Canes vs. Cougars
oder
Das Leiden einer Team-Mama
Macht sich eigentlich irgendjemand Gedanken darüber, was man so als Team-Mama durchmacht vor so einem Spiel?????? Ich glaube kaum! Deswegen jetzt hier für alle die es interessiert, oder auch nicht Einblicke in die Gefühlswelt einer Team-Mama.
Schwups – war sie da: die Woche vorm Spiel. So langsam setzte ein undefinierbares Kribbeln im Bauch ein, aber noch war alles entspannt. Ich such schon mal die Sachen zusammen: wo sind jetzt diese blöden Spielberichtsbögen abgeblieben, was ist mit den Pässen, ist mein Fotoapparat eigentlich fertig, nicht vergessen Puschel einpacken usw. usw. aber ich bin ja so was von ENTSPANNT…….
Am besten ich ruf jetzt erst mal Bine an, die ist immer die Ruhe selbst, vielleicht hilft´s ja! Na gut, fürs erste hat es geholfen. Gedankenblitz: ich muss ja noch alle Eltern anrufen. OK – wenn der Hörer schon mal festgewachsen ist, kann ich das auch gleich ausnutzen. Unvorstellbar: 41x derselbe Spruch von mir, aber immerhin 20 Eltern motiviert! Coach Boone wird stolz auf mich sein *klopf selbst auf schulter*.
Dienstag:
Ach wie schön, Training! Aber was musste ich sehen *innerlicher aufschrei* was tun die Jungs da?????? Sehen die grad zum ersten Mal nen Football????? Der Blick in die Gesichter der Coaches sagte alles!!! Zufriedene Coaches sahen jedenfalls anders aus – oh oh, das kann ja heiter werden. Dann meine ganz persönliche Selbstmotivation: ach – es ist ja zum Glück erst Dienstag und es ist noch soooooo lange hin bis Sonntag, da kann noch jede Menge passieren! HOFFENTLICH!
Ich ruf jetzt mal Coach Boone an, vielleicht sieht der die Sache ja völlig anders.
Anmerkung Redaktion: der hier folgende Part wurde aus moralisch nicht vertretbaren Gründen gestrichen.
Mittwoch:
Mitten in der Woche: diabolische Gedanken durchkreuzten mein Hirn. Wie wäre es mit ein bisschen Voodoo *grins finster in mich rein* vielleicht beeinflusst das ja Kulle in irgendeiner Form. Stoßgebet zum Himmel: „Lieber Footballgott, lass bitte alle dicken, großen Kinder in Lübeck ausgestorben sein.“ Das muss langen!
Donnerstag:
Letzte Trainingseinheit vorm Spiel – ich guck lieber nicht hin und plausche lieber mit den Eltern. Die Ansage im Huddle war klar und deutlich von den Coaches: wer am Sonntag nicht alles gibt, braucht gar nicht erst mitkommen. Ich blickte in die Gesichter meiner Jungs und stellte mit Entsetzen fest, das sie ziemlich angespannt und ängstlich aussahen. Sollten die etwa genauso nervös sein wie ich??? OK – da heißt es dann jetzt: Ruhe ausstrahlen und das Selbstbewusstsein in Person sein. Hoffentlich kauft mir die Nummer einer ab.
Freitag:
Ich ohne Kids zu Hause, die Lösung: ich zieh um die Häuser, dabei denk ich bestimmt nicht an das Spiel. Für ein paar Stunden hat`s jedenfalls geholfen.
Samstag:
Noch 24 Stunden bis zum Spiel *uuuaaaaah* (= Aufschrei) erst mal in Ruhe frühstücken *würg* geht ja gar nicht. Mir ist schon wieder schlecht. Schnell Selbstmotivation: Wir gewinnen, wir gewinnen…… *grimmiges gesicht* KLAR GEWINNEN WIR! Geht doch!!!!
Abends beschloss ich dann dem roten Beerensaft zu frönen, in der Hoffnung, dass er mich schnell müde macht und ich ja nicht an Football denken muss.
Sonntag:
Unfassbar, die Woche ist rum. Nach einer Albtraum durchlebten Nacht (beim ersten Spielzug schossen auf einmal die perfekten O-Liner, so wusch-wusch-mässig, aus dem Boden und Kulle grinste fies und hämisch) schlich ich erst mal in die Küche, da hilft nur Kaffee und ne Zigarette. Mir ist schlecht und Magenkrämpfe peinigen mich.
In Ruhe hinsetzen, um gleich wieder aufzuspringen und zum siebenundzwanzigtausendstenmal die Sachen checken. Auf zum Holsteinstadion. Sanne denk dran, Ruhe ausstrahlen!!!! Schnell noch einen ON ---- NO (WUSAA soll da auch helfen hab ich mir sagen lassen ) machen und dann mit einem fröhlichen Guten Morgen die Jungs begrüßen.
Der Bus setzte sich in Bewegung, mir wurde immer schlechter, aber Bine mein kleiner Ruhepol hat es geschafft mich abzulenken, indem wir schön alle Lieder von der Football Season 2006 CD mitgegrölt haben (@Hagen: tröste Dich, es sind nur noch zwei Bustouren *grins frech*), sehr zum Unmut des ein oder anderen Coach. Dann das Ereignis: Coach Boone verteilte Team-Shirt`s – was für ne geniale Nummer (Kulle fand unser Auftreten jedenfalls absolut cool, wie Thomas mir später erzählte). Motivation meinerseits: ein Eis bei einem Sieg. Wenn das jetzt nicht hilft, dann weiß ich auch nicht. Ortsschild Lübeck: die ersten Schlachtgesänge werden laut ------ JAAAA------ so will ich meine Jungs hören!!!
Ankunft Buniamshof: nu wurde es wie immer hektisch. „Bine ich weiß meine Nummer nicht mehr“, „Sanne die Hose hat keinen Gürtel“ JAAAAA JUNGS, keine Panik kriegen wir alles hin. Marina schnippelte schon das Obst und Bine u. ich machten den Spielberichtsbogen fertig – keine Zeit zum nachdenken.
UND DANN GING ES LOS:
Platzgewinn wurde abgelehnt und unsere Defense ging zum ersten Mal diese Saison auf den Platz, ich bekam ne Gänsehaut und in meinem Ohr lief die Titelmelodie von Star Wars. Wider Erwarten starteten die Jungs voll durch, da wusste ich: die wollen gewinnen! Das erste Quarter ging so rum. Dann im zweiten Quarter, unglaublich aber wahr, ein Safety. Ich brüllte mir die Seele aus dem Leib und wartete jeden Moment auf den Touchdown. Aber zur Halbzeit hatte sich an dem Spielstand nichts geändert.
„Ich fahr doch nicht mit einem 2:0 Sieg nach Hause, das geht ja üüüberhaupt nicht, da muss jetzt aber noch ein Touchdown her“, „Wieso“, meinte Mo, „Sieg ist Sieg“. HÄÄÄÄ- spinnt der, ICH WILL EINEN TOUCHDOWN – Du Seppel. Und dann das Unfassbare: da kommt doch im 3. Quarter son Lübecker angebraust und versenkt das Ding in der Endzone. Ich erstarrte zur Salzsäule und konnte es kaum glauben, Tränen standen mir in den Augen. Das Ganze dauerte zum Glück nur eine Minute, dann stellte ich mich entschlossen an die Sideline um die Jungs nach vorne zu brüllen (das hat mich übrigens zwei Tage lang meine Stimme gekostet!), nebenbei betete ich zum großen Footballgott, er möge uns nur einen Touchdown schenken. Und dann, im 4. Quarter der große Auftritt von Martin: er bekam das Ei und lief und lief, als wenn der Teufel hinter ihm her wäre. Ich konnte nicht an mich halten und lief an der Sideline mit und was soll ich sagen, NATÜRLICH hat er es geschafft!!! Hat da eigentlich irgendjemand jemals dran gezweifelt? Ich jedenfalls nicht. Marco kickte dann noch den Zusatzpunkt und damit war die Weltordnung *grins vielsagend* wieder hergestellt. Jetzt galt es nur noch die Restspielzeit unbeschadet über die Runden zu bringen. Ich fing an den Schiri Kevin alle Nase lang nach der Zeit zu fragen, bis dieser völlig genervt war und er sie mir von alleine zurief sobald er mich sah. Dann endlich 2 Minutes Warning, ich sandte Stoßgebete zum Himmel, kann eigentlich einer nachvollziehen wie lang 2 Minuten in so einer Situation sein können? Sie kamen mir jedenfalls endlos vor. 40 Sekunden Restspielzeit und ich sah zum ersten Mal in meinem Leben, wie Qubi Joost abkniete *wie cool*. Das Spiel war tatsächlich zu Ende und WIR hatten es gewonnen. Bine und ich platzten vor Stolz, es war zwar ganz eng und nicht einfach, aber GEWONNEN.
Zum Nachdenken hat man dann aber keine Zeit, Bine und ich versorgten die Jungs mit Selterflaschen, denn so ein Coach von einem Siegerteam muss natürlich nass gemacht werden *grins über´s ganze gesicht* manche Aufgaben machen Bine und mir einfach doppelt so viel Spaß. In der Umkleide dröhnte die Mucke und ich habe die Jungs noch nie so ausgelassen gesehen. Auf der Rücktour haben wir natürlich bei Burger King gehalten, der wie immer völlig überfordert war. Ich kann mich noch allzu deutlich an den entsetzten Blick der Mitarbeiterin erinnern, als sie unseren Bus auf den Parkplatz fahren sah und ich hab noch gesagt:“Mädel mach schon mal die Buletten klar“, hat aber nicht wirklich was genützt. Als ich dann auch noch, nach dem großen Essen 39 Eis bestellte, war der Ofen ganz aus. Bine und ich haben nach dieser Aktion beschlossen, das nächste Mal anzurufen, vielleicht klappt`s dann ja.
Wieder in Kiel angekommen, empfing uns leider kein rauschender Beifall (Memo an mich selbst: Empfangskomitee organisieren!). Der Bus war ratz fatz ausgeräumt und jeder machte sich auf den Weg nach Hause, mit dem sicheren Gedanken das jetzt alles möglich ist.
Eines weiß ich mit Sicherheit, wenn ich das jetzt bei jedem Spiel durchmachen muss, bin ich am Ende der Saison um Jahre gealtert und habe mindestens einen Herzinfarkt hinter mir. Also Jungs: „Macht es doch nicht immer so spannend und zieht das Ding doch gleich durch, denkt doch auch mal an Eure arme Team-Mama!“
Und ich bin mir ziemlich sicher: WIR KOMMEN IN DIE PLAY-OFFS!!!!!!!!!!!
Susanne Gänssler