Wenn man so beim Training sitzt und zuguckt, als Mitglied der vom aussterben bedrohten Spezies „Ich-interessiere-mich-für-das-was-mein-Kind-tut“, dann kann es einem passieren, dass man ganz schnell in eine Sache reinrutscht, die ungeahnte Folgen haben kann. So geschehen, Ende August 2004:
Es war ein schöner Sommertag und wir Eltern saßen gemütlich auf dem „Norder“ plauschten über dies und das (ha – ihr Ahnungslosen) guckten unseren Kids zu und ahnten eigentlich nichts Böses. Dies änderte sich ganz schnell, als sich Coach Thomas (seines Zeichens der langhaarige Bombenleger) vor uns aufbaute und irgendwas von: Tag des Sports, keine Gegner und nu müssen die Eltern ran, faselte.
Moment mal, nun ganz langsam zum mitschreiben:
es sollte Flagfootball auf dem Tag des Sports vorgestellt werden, aber keine Mannschaft hatte sich gefunden um in einem Freundschaftsspiel gegen unsere Kids anzutreten. Nun hatte also der große weise Coach beschlossen, dass die Eltern dann dran glauben müssten (heißt es nicht immer: lange Haare, langer Verstand; der Typ hat wohl einen Football zu viel an den Kopf bekommen – armer Irrer). 10 Augenpaare schauten in alle mögliche Richtungen (mein Gott ist der Himmel heute wieder schön blau) nur nicht auf den Coach und jeder von uns hoffte, dass ein Anderer sich freiwillig (prust – wer ist denn so beknackt – lach kaputt) melden würde. Als der Coach dann aber merkte, dass wir so ziemlich unmotiviert waren (ich hab`s doch im Rücken) und selbst nette Worte (schleim rum) nichts bewirkten, wurden wir zwangsverhaftet: „Los – mitkommen, ich erklär Euch das!“ und oh Wunder, wir dummen Eltern trotteten dem Typen auch noch hinterher. Vorweg sei noch erwähnt, dass wir genau dreimal Zeit hatten ein bisschen was zu üben, denn das Spiel fand am Sonntag der darauf folgenden Woche statt. Selbst Sätze wie: „Ich hab doch überhaupt keine Ahnung von Football“, wurden abgewiegelt: „Das kriegen wir schon hin“ (grins – nun war der Coach aber ahnungslos).
Als erstes wurden uns die Grundregeln beigebracht: es gibt eine Offense und eine Defense mit div. Positionen: Wide Receiver, Center, Quarterback, Guard´s, Linebacker, Cornerback´s, Runningback´s, Safety usw., auf unser aller Stirn lief nur das rote Leuchtband mit dem Spruch: “Wir verstehen nur Bahnhof”. Und was tut man, wenn man keine Ahnung hat – richtig – man quatscht blöde dazwischen (grins diabolisch – wir treiben jetzt den Coach langsam in den Wahnsinn). Immer noch nicht entmutigt zückte der Coach ein paar Zettel mit dem Spruch: „Ich hab Euch das hier mal aufgemalt“ (ha – die Geschichte war also von langer Hand geplant – na warte Bürschchen…)
Jeder suchte sich nun eine Position aus, wo er der Meinung war sie am besten ausführen zu können. Ganz besonders schlaue nehmen Positionen, wo man ja fast gar nichts tun muss – den Center zum Beispiel (das war natürlich eine Blondine, mehr muss man dazu nicht sagen!) und dann ging`s los:
der Coach rief nur noch Kommandos wie:
- hey – Hintern runter (hey Coach, wenn ich das tue gehorcht das Teil mehr der Erdanziehungskraft als alles andere)
- nimm die Hand nach oben, sonst bist Du gleich tot (wie unheimlich ermutigend)
- die Fußspitzen gucken nach vorne (Füße können nicht gucken – Blödmann – oder willst Du behaupten ich hab Hühneraugen – grummel)
- hey – QB (Quarterback) starre dem Center nicht so auf den Hintern (wir wollen hier Football spielen, dass ist keine Peep-Show),
- hey Guard´s, ihr sollt euren QB beschützen (hallo Coach, Jeder ist sich selbst der Nächste! Hier geht`s nur ums überleben!)
- hallo Runningback, wie wär`s mal mit ein bisschen Bewegung (hey Coach – kennst du eigentlich unser wahres Alter?)
usw. usw.
Ich glaube, nur zwei oder drei von uns hatten so wirklich Ahnung um was es eigentlich ging, der Rest war ein hoffnungsloser Fall. Und in uns keimte der Verdacht, dass uns die Kids zum Frühstück vernaschen würden. Mit den Worten: „Guckt euch bitte eure Zettel an u. prägt euch das ein“ (Jaaaa Coach – wir tun nix anderes), wurden wir aus unserer ersten Trainingseinheit entlassen. Irgendwie beschlich uns das ungute Gefühl, dass wir uns fürchterlich zum Affen machen würden, aber wir beschlossen hoch erhobenen Hauptes vom Platz zu gehen, oder zu kriechen, wenn es denn so kommen sollte – aber KOPF HOCH. Die nächsten Trainingsstunden liefen auch nicht viel besser ab, der Coach war am verzweifeln (grins – vielleicht schaffen wir es noch, dass er bis Sonntag graue Haare hat) aber so langsam hatte uns Eltern der Ehrgeiz gepackt und wir wollten es allen zeigen, mehr oder weniger. Aber am Donnerstagabend zogen wir dann alle nach Hause und beteten, dass es diese Woche keinen Sonntag gäbe. Der Eine oder Andere hatte auch noch in Erwägung gezogen, sich eine totaaal seltene Krankheit bis Sonntag zuzulegen (Mensch – wir hatten doch einfach nur ANGST).
Und dann war er da: DER SONNTAG – TAG DER ENTSCHEIDUNG:
wir trafen uns auf dem Sportplatz Moorteichwiese, es war ein wunderschöner Altweibersommertag, die Vögel zwitscherten, die Kids warfen ihren armen Eltern dumme Sprüche an den Kopf und die kamen sich so vor, als wenn sie zu ihrer eigenen Hinrichtung gingen. Nun hieß es: „Augen zu und durch!“. Komischerweise, standen an diesem Tag urplötzlich noch mehr Eltern am Spielfeldrand (hey – wo kommen die denn auf einmal her, wir dachten die Kids sind alle Waisen) aber wir konnten keinen mehr dazu überreden uns zur Seite zu stehen. Macht ja fast gaaar nichts, wir haben schließlich trainiert und ihr nicht und wir geben euch gerne eine kostenlose Vorstellung von dem Stück: „Wie mach ich mich zum Idioten“. Dann begann das Spiel, so richtig hoch offiziell mit Schiris und Münzwurf.
Von Anfang an haben wir Eltern viel gelacht, die Spötter an der Sideline wurden ignoriert und wir versuchten unser Bestes zu geben. Die Kids gingen sehr ernst an die Sache ran und uns fing es langsam an Spaß zu machen. Es war alles dabei: passes, runs, touchdowns, interceptions und was es sonst noch so alles gibt. Aber vor allen Dingen jede Menge Spaß:
- ein QB der versuchte den Kids davonzulaufen (hey – vergiss es, sie kriegen dich doch)
- ein Safety der völlig Herr der Lage war (kann mir mal einer nen Klappstuhl bringen)
- ein Runningback der die Maikäferstellung liebt (alle Viere von sich strecken, tot stellen u. warten bis es vorbei ist)
- ein Center der nur Panik schob sobald er die Nr. 55 sah (Hilfe Mama – ich will hier weg, der ist doch bestimmt schon älter als 15, haben wir eigentlich einen Passcheck gemacht???)
- Cornerbacks die wild in der Gegend rumlaufen (auch Blümchen pflücken genannt)
- Wide Receiver die irgendwie nicht zum Einsatz kommen
- „Brustpässe“ die zum touchdown verwandelt werden (wat für ne Show!)
- Extra Punkte: wo der Ball nicht mal ansatzweise an die Querlatte kommt
und noch vieles mehr (eigentlich hätten wir Eintritt nehmen sollen!), aber wir haben unser Bestes gegeben. Unsere Geheimwaffe: Herrenspieler wie Morten Dunst u. Christian Nettling, die kurzfristig verpflichtet wurden, aber dann mehr damit beschäftigt waren uns zu erklären was wir zu tun haben, als alles andere, weil wir zuwenig Spieler waren und manche von uns Offense wie Defense spielen mussten (wie war das jetzt mit den Zetteln vom Coach????). Zu unserer Ehrenrettung sei hier erwähnt, dass wir nur knapp geschlagen wurden, 34:33 und wir waren froh nach dreistündigem harten Kampf noch zu leben.
Nachdem wir gemeinsam aufgeräumt hatten, fuhren wir alle zum „Norder“, um den Sieg/Niederlage gebührend zusammen zu feiern. Dort angekommen, schmissen sich die Spielereltern nur noch auf die nächst besten Sitzmöglichkeiten u. versuchten angestrengt nicht total geschafft auszusehen (tja liebe Eltern – dies ist euch leider total misslungen) während unsere Kids nichts besseres zu tun hatten als Football zu spielen (wo nehmen die eigentlich die Energie her, haben die alle ne Pille gekriegt oder was???). Bei einer Riesenpizza wurde dann das Spiel noch einmal haarklein durchdiskutiert (man war ja jetzt schließlich Fachmann) aber die meisten Eltern träumten eher von einer heißen Dusche oder einem heißen Bad (Herr – lass bitte nicht das Heißwasser in Kiel u. Umgebung ausgehen).
Alles in allem war es ein toller Tag und wir hatten jede Menge Spaß und selten so viel gelacht. An den Trainingstagen danach, haben wir uns gegenseitig unser Leid geklagt (wie mutiere ich am schnellsten von 38 zu 88) und unsere Verletzungen präsentiert (Frauen stehen auf Narben!!! Männer eigentlich auch???), aber eines wollten wir ALLE: in 2005 wieder ein Eltern-Kids-Spiel!
Und falls dies der ein oder andere Schiri lesen sollte:
Liebe Schiris, wir sind zwar schon älter, aber noch lange nicht schwerhörig, also gewöhnt Euch doch bitte mal ab: NEBEN EINEM ZU STEHEN UND VOLL INS OHR ZU PFEIFEN - DAS TUT WEH – vielen Dank für Euer Verständnis :-)
Liebe Eltern, die ihr am Spielfeldrand gestanden und uns müde belächelt habt, ihr wisst gar nicht was euch entgangen ist, nämlich: DIE NÄHE ZU EUREN KINDERN!
Autorin: Susanne Gänssler